Abwasser statt Tischtennis

von Irina Kasprick

Der Bildausschnitt zeigt eine alte Tischtennisplatte mit Netz.
So sahen die Anfänge aus.

 

Gemeinsam mit meinem Mann wollte ich zum ersten Mal an den Clubmeisterschaften der deutschen Tischtennissenioren in Frankfurt teilnehmen und anschließend an dieser Stelle über meine Eindrücke berichten. Doch das Leben schrieb meine Pläne schon wieder um.

Mein Vater entdeckte Tischtennis als Familiensport während seiner Jahre auf der Bohrinsel in der Nordsee. Kurz entschlossen schaffte er eine Tischtennisplatte der Marke Eigenbau für uns an: zwei Böcke, zwei Spanplatten verbunden durch Scharniere - geradezu verlockend fürs Fingereinklemmen -, ein wenig grüne Farbe - wer braucht schon eine weiße Mittellinie oder Umrandung? - und ein Netz. Unsere Diele eignete sich hervorragend zum Spielen, selbst Rundlauf war möglich. Meine ersten Erfolge bestanden darin, den Ball zu treffen, den meine Eltern per Einwurf so platzierten, dass er den Schläger traf, wenn ich stillhielt. Nachdem ich die Pingpong-Stufe erreicht hatte, trat ich in einen Tischtennisverein ein. Auch später am Gymnasium spielte ich Tischtennis. Jährlich organisierte einer der Sportlehrer die Schulmeisterschaft und die Teilnahme an „Jugend trainiert für Olympia“. Für mich bedeutete das nicht nur unterrichtsfrei. Es war einfach genial! Ich, absolut unsportlich, verkündete dem Klassenlehrer vor allen Mitschülern: „Morgen komme ich nicht. Ich bin bei ‚Jugend trainiert für Olympia‘.“ Das tut heute noch gut.

Diesen Sportlehrer traf ich im vergangenen Herbst beim Punktspiel wieder. Er schwärmte von den Senioreneuropa- und -weltmeisterschaften sowie dem Club der deutschen Tischtennissenioren. Meinen Mann musste ich nicht lange überreden, wir traten in den Verein ein und meldeten uns für die Clubmeisterschaften an. Je näher der Termin rückte, umso gespannter wurden wir. Gegen wen spielen wir? Wie gut sind die? Wie wird die Atmosphäre sein? Am Vorabend packte ich gedanklich meine Sporttasche, räumte dabei die Küche auf, brachte den Müll runter und stand schon fast an Platte 38 in Halle 2 … doch woher kam der entsetzliche Gestank? Und das Plätschern? Aus unserem Keller. Der gesamte Kellerfußboden war voll Abwasser, das munter aus der Toilette und Dusche floss - der kräftige Regen hatte die Kanalisation überfordert. Dank des Einsatzes der Freiwilligen Feuerwehr war das meiste Wasser bald entfernt. Danach war Familieneinsatz angesagt: Möbel tragen, hochstellen, abrücken, wischen, wringen - bei unserer großen Fläche ging es irgendwann nur noch ums Durchhalten. „Ich glaube, ich habe Zucchini gesehen!“, behauptete unser Sohn zwischendurch trocken, während er den Schlamm beseitigte, und lockerte die Stimmung ein wenig auf. „Das ist Teambuilding“, spornte mein Mann uns an. Nachts um zwei Uhr war der gröbste Schmutz beseitigt. Wir stöhnten über Schmerzen im Rücken, in den Knien sowie Handgelenken und beschlossen, nicht sechs Stunden später zum Turnier nach Frankfurt zu fahren, sondern in den nächsten Tagen die Feinarbeiten im Keller zu erledigen.

Natürlich bin ich traurig, weil wir nicht teilnehmen konnten, aber das hat auch positive Seiten. Ich hatte bestimmte Erwartungen an das Turnier, die vielleicht gar nicht erfüllt worden wären, wenn wir mitgespielt hätten. So kann ich mich gespannt auf das nächste Mal freuen. Außerdem bin ich unheimlich stolz auf meine Kinder. Unsere zwei Teenies drücken sich gern mal vor der Arbeit, aber wenn es darauf ankommt, kann man sich auf sie verlassen. Das hat mir dieser Familieneinsatz erneut gezeigt. Sie haben ohne zu murren bis zum Ende durchgehalten. Danke, ihr seid super!

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