Respekt, wo bist du geblieben?

von Irina Kasprick

Am Niedersächsischen Landtag

 

Der Reformationstag ist seit letzter Woche in Niedersachsen ein neuer Feiertag. Die Debatte dazu erlebte ich am 16. Mai im Niedersächsischen Landtag − ein Ereignis, das ich nicht so schnell vergessen werde, denn das Verhalten unserer Repräsentanten entsetzte mich.

Wenn ich mich von meinem Mann überreden lasse, mit ins Fußballstadion zu gehen, interessiert mich mehr das Verhalten der Zuschauer als das Spiel und ähnlich war es bei meiner Teilnahme an einer Informationsfahrt zum Niedersächsischen Landtag. Ich wollte den ganzen Plenarsaal sehen, die Abgeordneten studieren und mir nicht nur ausgewählte Szenen zeigen lassen. Die Debatten interessierten mich weniger − ich muss zugeben, ich war nicht vorbereitet. Kurz zuvor erfuhr ich, dass zunächst das Thema Datenschutzgrundverordnung anstand, dann eine Diskussion über einen neuen Feiertag.

Bevor wir auf die Besuchertribüne kamen, wurden uns zweimal Verhaltensregeln genannt, wie leise sein, nicht dazwischen rufen, nicht laut lachen − mit anderen Worten: unauffällig und respektvoll sein. Entsprechend ruhig nahmen wir unsere Plätze ein, gespannt auf den neuen Plenarsaal und das Geschehen darin. Es entsetzte mich. Die meisten Abgeordneten daddelten (kein schönes Wort, aber passend) am Handy oder Laptop, andere drehten dem Redner den Rücken zu und unterhielten sich laut lachend, einige gingen betont langsam durch den Saal, begrüßten andere Abgeordnete und kehrten ebenso langsam an ihren Platz zurück. Nur ein kleiner Teil der Anwesenden folgte mit ungeteilter Aufmerksamkeit der Rede. Die Abgeordneten würden während der Sitzungen arbeiten, die Termine wären eng, hörte ich später. Außerdem fiel mir auf, das Verhalten der Abgeordneten hatte System: Es kam darauf an, wer sprach. Gehörte der Redner den Regierungsparteien an, so bekam er von Vertretern der SPD und CDU die Körpervorderseite und von der Opposition (B90/Die Grünen, FDP und AfD) den Rücken zu sehen, gehörte er der Opposition an, war es genau umgekehrt. Bekommen Abgeordnete diese Verhaltensregeln vor ihrer ersten Sitzung mit auf den Weg? Haben sie vergessen, dass sie uns repräsentieren?

Wir wundern uns, dass Schüler keinen Respekt mehr vor Lehrern haben, dass Autofahrer immer rücksichtsloser werden, dass es Führungskräften in Unternehmen am menschlichen Umgang mit Mitarbeitern fehlt, dass unsere Gesellschaft eine Tendenz zur Verrohung aufzeigt. Mich wundert es nicht mehr. Dabei ist Respekt (Achtung, Wertschätzung, Toleranz, Höflichkeit!) ein wichtiges Gut, das wir schützen müssen.

 

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