Leseprobe

Mit viel Herz erzählt Lore Bierwagen von ihren Vorfahren, die in den höchsten Kreisen „verkehrten“, von ihrer unbeschwerten Kindheit, dem überstürzten Umzug ihrer Eltern nach Schwarmstedt, der ersten Begegnung mit ihrem Mann und dem Neubeginn in der Nachkriegszeit.

Oft war ich bei Vater in der Küche im Souterrain, wenn er mehrgängige Menüs für Gesellschaften kochte. Ich genoss das hektische Treiben, die herrlichen Gerüche, das Klappern der Töpfe und Pfannen, beobachtete den Aufzug, der köstlich duftende und appetitlich angerichtete Speisen unter Gloschen nach oben brachte und Teller sowie leere Schüsseln wieder nach unten beförderte, und meinen Vater, der ruhig seine Helfer dirigierte, kochte und abschmeckte. Zwischen alldem war ich, bis mich jemand in einer Ecke platzierte, damit ich nicht im Weg stand. Der gemütlichste Platz war dann für mich der Haufen Hand- und Geschirrtücher auf dem Fußboden. Eines Abends, als es oben ruhiger wurde, herrschte plötzlich große Aufregung in der Küche: Lore war verschwunden. Keiner wusste, wo ich war. Schließlich entdeckte Vater oder Mutter ein Paar Kinderfüßchen, das unter dem riesigen Stapel Tücher hervorlugte. Ganz friedlich schlief ich auf und unter meinem Lager.

Eine Veranstaltung in Fronhausen war meinem Vater noch Jahre später peinlich: Eine außergewöhnliche Persönlichkeit war in der Burg zu Gast und Vater gab sein Bestes für ein perfektes Diner. Mehrfach klingelte es – das Zeichen, dass der manuell zu bedienende Aufzug hoch- oder hinunterfuhr. Als das Essen längst beendet war, alles hatte reibungslos geklappt, ertönte erneut die Klingel des Aufzugs.
„Was will die Bagage denn jetzt noch wieder?“, entfuhr es Vater. Im selben Augenblick wurde unbemerkt die Tür geöffnet und Baron Schenk zu Schweinsberg mit seinem hohen Besuch betrat die Küche.
„Aber, Tegge!“, sagte der Baron. „Was erlauben Sie sich? Seine Durchlaucht wollte sich nur bei Ihnen bedanken.“
Vater wäre am liebsten im Erdboden versunken.
Das Diner war so hervorragend gewesen, dass sich die Herrschaften in die Küche „herabbegaben“ – was sehr selten geschah –, um sich persönlich dafür beim Koch zu bedanken. Durch das Klingeln hatte die Bedienung oben das Küchenpersonal vorwarnen wollen.